Glas mit Licht auf Baumstumpf in dunklem Wald

Leise Aufwachsen mit lauten Erwartungen

Ich hasse Partys - was stimmt nicht mit mir?

Als ich 15 war, war dieser Titel meine häufigste Suchanfrage bei Google. Und in den Antworten hat sich alles Mögliche herumgetrieben. Von „Reiß dich zusammen, da muss man durch“, „Du bist definitiv seltsam, Party sind das Highlight der Jugend“ bis zu „Eigentlich geht es mir auch so, aber ich verliere sonst meine Freunde“. Aber was stimmt eigentlich? Und vielleicht viel wichtiger: Was habe ich mit meiner Anfrage eigentlich gesucht?

Der Prolog

Du bist vermutlich hier, um zu lesen, dass es okay ist, keine Partys zu mögen. Und dazu komme ich sofort, versprochen. Da wir uns aber noch nicht kennen (willkommen zu meinem ersten Beitrag 🤗), möchte ich zumindest in einem Absatz ein bisschen Kontext zu mir und meiner Suchanfrage geben.

Ich war immer das stille Kind in der Mal-Ecke und hatte kein Problem damit. Das kam erst, als ich zehn Jahre später immer noch lieber vor einem Blatt Papier als vor einem überteuerten Bier in einem Club sitzen wollte. Plötzlich war ich die Langweilerin. Die, die montags nicht mitreden konnte über die Samstags-Party. Die, für die das Heim-Radeln der schönste Teil vom Bierzelt-Abend war, wenn für die anderen die Nacht erst anfing. Meine (extrovertierten) Eltern haben sich gewünscht, dass ich mehr ausgehe. Und ich habe mir gewünscht, das auch zu wollen. Nicht der seltsame Teenie zu sein.

Die Suche

Viele Jahre, eine Reise und ein Buch hat es gebraucht, damit ich heute zum Glück andere Dinge in die Suchleiste tippe. Das klingt jetzt soo nach großem Selbstfindungstrip – war es nicht ganz. Aber ich hab das Buch eben zufällig entdeckt, als ich ein paar Monate in Irland war und das macht es irgendwie ein bisschen magischer ☘️. Der Titel „Quiet“ stand vor mir in „Dubray Books“ und hat nicht mehr losgelassen. Dieses Buch hat mir gesagt, dass ich nicht seltsam oder falsch bin, sondern introvertiert?! Es hat mir erklärt, dass mein Energiehaushalt anders funktioniert. Und vor allem, dass es tatsächlich andere solche Menschen gibt. Was war das für ein befreiendes Gefühl (sogar im direkten Vergleich mit irischen Klippen unschlagbar ;)).

Ich, wie ich mich in eine Landschaft verliebe :D. (Quelle: privat)

Die Recherche

Weil ich ganz sicher gehen musste, die Diagnose „seltsam“ endgültig gegen „introvertiert“ zu tauschen, hab ich mich weiter informiert. In meinem ersten kleinen Job bei der Zeitung habe ich einen Artikel über das besagte Buch von Susan Cain geschrieben und ein Interview mit einer Psychologin geführt. Zu meinem Interview-Beitrag habe ich sogar einen Leserbrief bekommen, der mich wirklich glücklich gemacht hat (ja, es gibt noch Menschen, die nette Leserbriefe schreiben 🌞!). Vielleicht war das auch, was ich im Kopf hatte, als mir einige Jahre später die Idee für diesen Blog kam :).

Natürlich schafft man sich mit dem Begriff „Introversion“ eine Schublade. In Wirklichkeit ist es mehr ein Spektrum zwischen intro- und extravertiert und niemand liegt zu 100% auf einer Seite. Laut des Einstellungstests bei meinem letzten Job sind es bei mir zumindest 92% :D. Mir persönlich hat es auf jeden Fall sehr gut getan, mich einordnen zu können und ein besseres Wort dafür zu haben, was mich manchmal so anders macht.

Die Antwort

Um die Frage deshalb für alle zu beantworten, die noch auf der Suche sind: Es ist okay und alles stimmt mit dir! ✨ Es muss dir keinen Spaß machen, mit hundert anderen Leuten auf einer klebrigen Tanzfläche rumgeschoben zu werden. Es muss dir auch nicht gefallen, Trinkspiele am WG-Geburtstag zu spielen, um „endlich mal locker“ zu werden. Du darfst früher vom Bar-Hopping nach Hause gehen. Du musst nicht mit allen Kollegen auf dem Arbeits-Event gesprochen haben. Du musst nicht mal zu jeder Firmenfeier auftauchen, wenn dir das nicht gut tut. Vielleicht fühlt es sich so an, aber es gibt keine Regeln dafür.

Die Wahrheit

Wenn sich Freunde von dir abwenden, weil du mit ihnen lieber zu zweit einen Filmabend machst, statt jede Woche bis zum Blackout zu feiern, sind es keine guten Freunde. Zack, so einfach. Mein Mann Dani hatte mir bei unserem zweiten Date erzählt, dass seine Freunde während der Ausbildung gern feiern gegangen sind, er aber nicht (erster Pluspunkt, oder? ;)). Er wollte um die Uhrzeit lieber auf Berge steigen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ihre Lösung: Sie schickten ein Foto von der Party, er vom Berg und beim nächsten Mal gab es wieder einen gemeinsamen Koch-Abend. So entspannt könnte es sein 🥲.

Ich weiß leider auch, dass nicht jeder solche Freunde hat. Gerade in der Schulzeit und im Studium wirkt es manchmal so, als wäre man die einzige Person auf dem Planeten, die nicht jede Woche feiern möchte. Aber ich kann so viel verraten: Das ist eine der Sachen, die mit dem Alter besser werden. Zumindest in meinem Dunstkreis war es so. Irgendwann kam der Schalter und alle wollten lieber brunchen :D. Kann auch anstrengend sein, keine Frage, aber hier geht es ja jetzt um Partys.

Mann mit Kamera auf Berg im Sonnenaufgang
Danis Alternative: Berg statt Party (Quelle: privat)

Hab ich was verpasst?

Wenn Leute heute von ihrer wilden Jugend erzählen, habe ich mittlerweile nicht mehr das Gefühl etwas verpasst zu haben. „Das muss man im Leben mal gemacht haben“ ist wirklich so ein falsch verwendeter, total subjektiver Satz, den ich nicht anwenden werde. Besonders, wenn es darum geht, sich bis vier Uhr nachts die Leber zu zerstören 🙃.

Wenn ich ein interessantes Buch lese oder auch einfach nur mit Dani auf dem Sofa liege – wenn Leute nachts Songs schreiben, zum Sonnenaufgang wandern oder zur Ruhe kommen, dann ist das für mich persönlich kein bisschen verschwendete Zeit. Die einen wollen Party machen, die anderen reisen und die nächsten häkeln 🧶. Alles okay. Für manche heißt jung sein, laut zu feiern, aber ich würde sagen: „I did it my way“, nämlich ein bisschen leiser (Hab ruhig einen Ohrwurm davon, dann brennt sich der Satz vielleicht auch ein :D).

Wie hast du herausgefunden, dass du introvertiert bist? Schreib mir gern!

🥥 In einer Nussschale – oder: Die Kurzform

Meine Teenager-Erfahrung, dass ich Partys nicht so super finde wie andere, hat mich lange an mir zweifeln lassen. Bis ich rausgefunden habe, dass ich nicht seltsam oder langweilig, sondern introvertiert bin. Hier der Buchtipp, der mir sehr geholfen hat: Quiet von Susan Cain. Es ist also nichts falsch daran, kein Partylöwe zu sein. Auf Menschen, die das gar nicht verstehen, lässt sich verzichten und meist wird es ab den Mittzwanzigern automatisch etwas ruhiger. Daher: Halte durch, bleib dir treu und nimm Meinungen von Leuten, die es nicht verstehen, nicht zu ernst.

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